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Die falsche Kiste

(Originaltitel: “The Wrong Box“)

Genre: Klassiker des makabren Humors
Autor: Robert Louis Stevenson und Lloyd Osbourne
Verlag: Insel; Deutscher Taschenbuch Verlag; Büchergilde Gutenberg; Hanser

„Wenn das kein komisches Buch ist, möchte ich wissen, was dann. Ich bin beim Schreiben beinahe umgekommen vor Lachen.“ sagte Robert Louis Stevenson, der diesen absurden und schwarzhumorigen Roman zusammen mit seinem Stiefsohn Lloyd Osborne schrieb. Es handelt von Verwicklungen und Betrügereien rund um die baldige Auszahlung einer stattlichen Tontine.

Was ist eine Tontine?

Eine Tontine ist eine Art obskure Lebens- bzw. Rentenversicherung, mit der unsere britischen Nachbarn, gern die Zeit bis zu ihrem Ableben überbrücken. Eine Gruppe stolzer Elternteile zahlt für ihre jungen Sprösslinge bei einem gewissenhaften Notar jeweils eine nicht unerhebliche Summe ein. Sagen wir mal unbescheidene 1000 Britische Pfund. Dieses Geld wird Gewinn bringend angelegt und vermehrt sich über die Jahre zu einem prächtigen Vermögen. Ausbezahlt wird der letzte Überlebende der ehemals so munteren und viel versprechenden Kinderschar, um sich damit seine möglicherweise letzten Lebenswochen angemessen zu verschönern.

Die beiden Brüder Masterman und Joseph Finsbury sind die einzigen beiden Überlebenden einer solchen Tontinen-Abmachung. Joseph hat jedoch nicht viel Freude an der Aussicht auf baldigen Reichtum. Denn er muss seinen Anspruch an der Tontine an seine beiden verwaisten Neffen Morris und John abtreten, die er groß gezogen und deren ursprünglich ansehnliches Vermögen er in seinem defizitären Ledergeschäft und ausufernden Weltreisen versenkt hat. Die mittlerweile volljährigen Neffen sind nun stark an ihrem Anteil der viel versprechenden Tontine interessiert und verändern radikal das Leben des bisher so lebenslustigen Onkel Joseph. Nach dem Motto: „Wer zuerst stirbt, hat verloren“ hütet Neffe Morris seinen Onkel, im übrigen ein passionierter Vortrags-Redner, wie seinen Augapfel. Er lässt ihn nicht mal mehr zu dessen geliebten Vortragsreisen außer Haus und kleidet ihn von oben bis unten in patentierte Gesundheitswäsche nach dem neusten Schrei. So drangsaliert, nutzt Onkel Joseph das Chaos nach einem schrecklichen Eisenbahnunglück, um heimlich zu verschwinden. Seine Neffen finden nur eine kopflose Leiche, welche zufällig ebenfalls in der patentierten Gesundheitswäsche verpackt ist.

StevensonLeiche, wechsle dich!

Ihre Schlussfolgerung ist klar: Der Onkel ist tot. Und kein Onkel, kein Geld. Den ungerechten Lauf des Schicksals beklagend, beschließen sie die Leiche verschwinden zu lassen. Es reift der Plan den Onkel, rein virtuell am Leben zu erhalten, um doch noch die Tontine zu kassieren. Aber das ist gar nicht so einfach. Erst recht nicht, als ein Witzbold die Adressen-Etiketten vertauscht und jemand anderes die Leiche in einer Kiste zugeschickt bekommt.

„Leiche, Leiche, du musst wandern“ – denken die Neffen, denn fortan wechselt der kopflose Tote munter seine Besitzer. Man verkleidet sich und erfindet abstruse Geschichten, um die ungeliebte Leiche anderen Leuten unterzuschieben und das Dasein eines totgeglaubten Menschen vorzutäuschen, der gar nicht tot ist. Mittelpunkt dieses lustigen Verwirrspiels ist der lebenslustige Winkeladvokat Michael Finsbury. Dieser ist der Neffe von Morris und John und als Sohn von Masterman Finsbury eben selbst extrem heißer Anwärter auf die reizvolle Tontine.

“Die falsche Kiste“ gleicht einem bayrischen Volksschwank, in dem immer zum falschen Moment noch ein Großvater aus dem Küchenschrank stolpert. Die unwahrscheinlichsten Verknüpfungen und Zufälle stapeln sich dramatisch hoch. Und durch die distanzierten und lakonischen Kommentare der beiden neutralen Erzähler, ist das Buch auch über 100 Jahre nach seinem Erscheinen ein prächtiger und vor allem komischer Lesespaß.

Aufgrund seiner moralischen und heiteren Unbeschwertheit –  keine der handelnden Personen wird für sein moralisch grenzwertiges Tun vom Erzähler getadelt – wird der Roman nach seinem Erscheinen beim großen Publikum und der Presse leider kein großer Erfolg. Er erfreut sich aber  einer geradezu kultischen Verehrung, in einem kleinen Kreis prominenter Verehrer (u.a. Gilbert Keith Chesterton). Angeblich wurde den Redakteuren der Times in den Zwanziger Jahren sogar untersagt, mehr als ein Zitat aus “Die falsche Kiste“ pro Ausgabe zu verwenden.

In Deutschland ist das Buch antiquarisch gut und preiswert erhältlich.


Text: Andreas Hartung

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