Der löchrige Boden unter den Füßen des gemeinen Bayern

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Im Volksmund werden sie auch „Schrazelloch“, „Alraunenhöhle“, „Erdweiblschlupf“ oder „Zwergloch“ genannt – die Rede ist nicht etwa von den willigen Gespielinnen des Kürbiskönigs, sondern von den sogenannten „Erdställen“, unscheinbaren Tunneln, die den Freistaat in gewisser Weise wie einen löchrigen Käse erscheinen lassen und so manchen Forscher vor ein Rätsel stellen.

Ein Erdstall im oberösterreichischen Bad Zell im Grundriss. | Quelle: Wikipedia © E. Fritsch/J. WeichenbergerEs sind kleine Tunnel. Tunnel, deren Eingänge in den Küchen alter Bauernhäuser oder mitten im Wald liegen können. Tunnel, die nur wenige Meter kurz oder mehrere hundert Meter lang und verzweigt sein können. Tunnel, über deren Herkunft, Sinn und Zweck sich neuerdings immer mehr „Erdstall“-Forscher die Köpfe zerbrechen. Schließlich handelt es sich dabei nicht um vereinzelte Naturphänomene, sondern vielmehr um bewusst angelegte Stollen. Allein in Bayern wurden bisher gut 700 solcher Anlagen nachgewiesen, in Österreich befinden sich etwa 500 weitere. Tatsächlich dürften es noch viele mehr sein. Es könnte sich also durchaus um irgendein merkwürdiges „Tunnel graben“-Ritual der Alpenvölker handeln – wenn nicht ähnliche Stollen auch in weiten Teilen Europas, z.B. in Irland, Frankreich, Spanien und Ungarn vorkämen.

Auch wenn die Kommunikation mit den bayerischen Einheimischen nicht unbedingt leichter ist, als sie mit irischen Hirten oder ungarischen Bauern sein könnte, so konzentrieren wir uns trotzdem auf die bayerischen Tunnel. Die Einheimischen sagen, Wichtel (Kobolde) hätten die Tunnel gegraben und Erdgeister würden darin wohnen. Nun gut, solange man keine bessere Erklärung hat, muss man das erstmal so hinnehmen. Die meisten dieser Tunnel sind „nur“ 20 bis 50 Meter lang, was für einen Wichtel schon eine ordentliche Strecke wäre. Große Gänge kann ein durchschnittlicher Erwachsener gebückt durchqueren, kleinere können nur auf allen Vieren („Schlurfstrecken“) oder sogar kriechend („Schlupfe“) erkundet werden. Nun weiß man ja, dass die Menschen früher viel kleiner waren als heute. Aber so klein wie Wichtel? Wohl kaum!

Wer also hat diese merkwürdigen Tunnel gegraben? Etwa doch Wichtel? Wikipedia sagt: „Nein, die Erdställe wurden von Menschenhand angelegt.“ Aber wann und warum? Zeitlich ließen sich die wenigen Funde innerhalb solcher Stollen anhand von C-14-Altersbestimmungen bereits grob auf das Mittelalter datieren, genauer, auf das 10. – 13. Jahrhundert. Doch darüber hinaus tappen die Forscher munter im Dunkeln. Dienten sie als unterirdische Stallungen, wie es der Begriff „Erdstall“ vermuten lassen könnte? Nein, denn „Stall“ bedeutet etymologisch soviel wie „Ort“ oder „Platz“. Außerdem hätte man dann Spuren von lecker getrocknetem Tierkot finden müssen. Die Tunnel sind aber fast alle nahezu besenrein vorgefunden worden. Könnten Vorräte in den Gängen gelagert worden sein? Theoretisch ja, allerdings sind viele der Tunnel so angelegt, dass sie im Winter mit Wasser voll laufen. Kaum vorstellbar, dass die alten Bayern so ihre Weißwürste und Brezeln konservierten.

Am Gangende einer Erdstallanlage finden sich oft Sitznischen oder Sitzbänke. | Quelle: Wikipedia © Arnold Sich durch eine Schlupfstelle zu zwängen, kostet Überwindung. | Quelle: Wikipedia © Josef Weichenberger Charakteristisch für Erdställe sind die Engstellen. Man muss sich durch diese Schlupfe zwängen, um in den nächsten Gangabschnitt zu kommen. | Quelle: Wikipedia © Josef Weichenberger

Viel wahrscheinlicher ist die Annahme, dass die Erdställe eine Form von Kultstätte darstell(t)en. Nicht, dass dort irgendwelche Opfer gebracht wurden. Vielmehr machen viele Erdställe den Anschein eines Rückzuggebietes. Ähnlich wie bei den Hopi-Indianern, die sich in Höhlen zurückzogen, um Antworten von Erdgeistern oder Mutter Erde direkt zu bekommen. In die Tunnel gehauene Sitzbänke, die sich in vielen der größeren Erdställe finden, könnten diese Theorie stützen. Auffällig sind auch Parallelen mit den Siedlungsgebieten und Routen keltischer Wandermönche, die vom Norden her Europa missionierten. Unweit vieler Stellen, an denen bisher Erdställe gefunden wurden, befinden sich auch sogenannte Viereckschanzen der Kelten, die auch Keltenschanzen genannt werden. Auch deren Funktion ist bis heute Gegenstand von Forschungen.

Der Foto-Beweis: Es sind doch Kobolde! | Quelle: http://www3.htl-hl.ac.at/homepage/bok/dt/1ahlein/koestr.htmWas die Forscher bei ihren Untersuchungen der Erdställe unabhängig von allen Theorien aber am meisten irritiert, ist jegliches Fehlen mittelalterlicher Quellen oder Aufzeichnungen, die den Bau von Erdställen belegen. Es scheint, als wurden die Erdställe zunächst totgeschwiegen und später – ab dem 12. – 14. Jahrhundert – sogar oftmals ohne erkenntlichen Grund zugeschüttet. Möglicherweise, weil man als verwegener Tunnelgräber im erzkatholischen Bayern ohne Umweg als Ketzer auf dem Scheiterhaufen gelandet wäre? Oder aber, weil Wichtel eben doch Analphabeten sind? Wie auch immer, bis die Rätsel der „Schrazellöcher“ endgültig gelöst sind, darf jede Theorie in Erwägung gezogen werden.

Wenn Du jetzt Feuer und Flamme für Wichtel und Erdgeister bist, dann empfehle ich Dir die Sonderausstellung „Erdställe – Rätselhafte unterirdische Gänge“ im RömerMuseum Kastell  Boiotro, die noch bis zum 15. November 2011 läuft.

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