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Wie endete die Hexenverfolgung? – Fragen Sie Dr. Kürbis


Die Frage:

Lieber Dr. Kürbis,

wieso haben die Menschen sich dafür entschieden die Hexenverbrennung abzuschaffen? Gab es da ein veranlassendes Ereignis? Und gibt es auch heute noch Hexen?

Dein Heiko

 


 

Die Antwort:

Hallo Heiko!

Vielen Dank für Deine interessante Frage. (Eigentlich sind es ja zwei. Heute werde ich auf den ersten Teil eingehen.)

Es war natürlich nicht so, dass “die Menschen“ eines Tages beschlossen, ab morgen Hexen zu verbrennen und dann 300 Jahre später spontan wieder damit aufzuhören. Das Phänomen der Hexenverfolgung war ein vielschichtiger und langwieriger Prozess. Um zu erklären, warum etwas endet, ist es wichtig seine Grundlagen zu kennen.

Der Glaube an Magie, Hexerei und den damit verbundenen Schadenszauber ist bereits seit dem Altertum verbreitet. Die frühmittelalterliche Kirche lehnt ihn jedoch als Aberglauben ab. Wer trotzdem an der Irrlehre fest hielt, wurde mit Kirchenbußen wie dem Ausschluss aus der Kirchengemeinschaft bestraft.


Welt aus den Fugen – Nährboden der Hexenhysterie

Im späten Mittelalter lebten die Menschen in einer Welt, die von Magie durchdrungen war. Und das betraf beileibe nicht nur die einfachen Leute. Es ist bekannt, dass selbst hochrangige Kirchenmitglieder auf magische Praktiken zurückgriffen. Allerdings setzen sie diese in einen christlichen Kontext, wie z. B. die Segnung des Feldes für eine reiche Ernte oder die Heiligenverehrung, welche die “Urkirche“ noch gar nicht kannte. Angeblich kam es sogar vor, dass die Bevölkerung als heilig betrachtete Männer erschlug, um wertvolle Reliquien zu erhalten … Und was ist eine Reliquie anderes als eine Art magischer Talisman? Als Aberglaube wurden von der Kirche also nicht alle magischen Praktiken an sich verurteilt, sondern nur solche, die sich ihrer Kontrolle entzogen.

Gleichzeitig lebten die Menschen gegen Ende des Mittelalters in einer Welt, die sich rapide veränderte. Das Zeitalter der Wissenschaft brach an. Dem Menschen wurde auf einmal bewusst, dass er nicht im Mittelpunkt des Universums steht, sondern auf einem kleinen unbedeutenden Planeten um die Sonne kreist. Mit der Erfindung des Mikroskops drang man erstmals in den Mikrokosmos vor. Es wurden Dinge sichtbar, die bisher unsichtbar waren. Das vertraute Weltbild geriet zunehmend aus den Fugen. Im Jahre 1347 brach nach 500 Jahren erstmals wieder die Pest aus. Zusätzlich verschlechterten sich durch die Kleine Eiszeit (ab Anfang des 15 Jahrhunderts) die Lebensbedingungen. Fleisch, welches vorher der ganzen Bevölkerung zur Verfügung stand, war plötzlich Mangelware und war nur noch den gehobenen Schichten vorbehalten. Die Bevölkerung ging zurück. Zudem gab es einen messbaren Frauenüberschuss, was natürlich zu weiteren sozialen Spannungen führte.

Die Reformation spaltete das christliche Abendland. Nicht mal mehr die Kirche war jetzt noch eins. Eine der indirekten Folgen der Kirchenspaltung war, dass das deutsche Reich permanent von kriegerischen Auseinandersetzungen betroffen war. Das u.a. durch die Reformation ausgelöste neue Bewusstsein führte zu einer Auflehnung der unteren Bevölkerungsstände, die in den Bauernkriegen gipfelte. Die Obrigkeit ließ sich das nicht lange gefallen. Erst wurde mit harter militärischer Faust zurück geschlagen. Dann begann das Zeitalter der Erziehung. In “Zusammenarbeit“ von Kirche und Obrigkeit gelang es im Laufe der Zeit, Verhaltens- und Gewissenskodexe zu installieren, die den bisherigen Ansichten und Verhalten stellenweise entgegengesetzt waren. Sexualtabus wurden neu gesetzt. Althergebrachte Vorstellungen von Moral und Gemeinschaft lösten sich auf (z. B. Almosen für die Mittellosen für das eigene Seelenheil) und wurden durch das neue frühkapitalistische Denken überformt.

Der Mensch der frühen Neuzeit war also ein Mensch voller Unsicherheit und innerer Zerrissenheit, der verzweifelt versuchte, in einer aus den Fugen geratenen Welt zu überleben.


Die Bevölkerung will die Hexe brennen sehen.

Das bildet den ungefähren Hintergrund für die Zeit der Hexenprozesse. Um der inneren Zerrissenheit, den Ängsten und den daraus resultierende Aggressionen ein Ventil zu geben, eigneten sich die Hexenprozesse ganz hervorragend. Ebenso konnte man unliebsame Konkurrenten ausschalten. In manchen Gegenden waren es vor allem die wohlhabenden Bauern, die aufgrund von Neid der Hexerei beschuldigt wurden.

Die Hexenprozesse wurden jedoch vorwiegend von weltlichen Gerichten abgehalten. Die Inquisition war weitestgehend damit beschäftigt, Häretiker (Ketzer) zu bekämpfen. Hexen wurden verbrannt, weil die Bevölkerung es wollte. Sie verlangte nach Hexenprozessen und stellte die Opfer dafür gern aus den eigenen Reihen bereit. Es ist vorgekommen, dass die ganze Bevölkerung einer Gemeinde das Land verließ, aus Protest, weil ihr Fürst keine Hexenprozesse erlaubte. Oder sie drohten damit, keine Steuern mehr zu zahlen, wenn die Regierung es wagen sollte, sie an der Hexenverfolgung zu hindern.

Interessanterweise waren nicht alle Gegenden von der Hexenhysterie betroffen. Es gab weite Landstriche, die weitgehend immun gegen den Hexenwahn waren – und dann wieder Gegenden, in denen die Hexenverfolgung äußerst populär war.

Die Regierung von Heidelberg gab dem Druck der Bevölkerung nach Hexenprozessen zum Beispiel nicht nach, weswegen es in der Kurpfalz kaum zu Hexenprozessen kam. Auch verweigerten sie die Auslieferung einer Mainzer Hexe an den Kurfürsten Wolfgang von Dahlberg. Stattdessen machten sie ihr selbst den Prozess und sprachen die Frau frei. Da sich Gebiete mit Mainzer und Pfälzischer Rechtsprechung teilweise überlagerten, kam es vor, dass die hexen-verfolgenden Mainzer Pfälzer Bürger der Hexerei beschuldigten, worauf hin einmal 150 bewaffnete Pfälzer Bürger das Bodenheimer Rathaus stürmten, um ihre Leute zu befreien. Ähnliches geschah ein Jahr später noch einmal. Nur dass diesmal der Kurfürst selbst seine der Hexerei beschuldigten Landsleute befreite.

Man kann davon ausgehen, dass die Menschen jener unsicheren Zeit, die ihnen als Endzeit erschien, Sicherheit und Halt in jener alten magischen Weltsicht suchten. Deren Haltbarkeitsdatum war jedoch bereits abgelaufen, auch wenn sich der Niedergang noch lange hinzog.


Das langsame Ende der Hexenprozesse

Schon seit Beginn der Hexenprozesse gab es eine Anzahl von Geistlichen und Denkern, welche die Hexenprozesse anprangerten und infrage stellten. Insbesondere wiesen sie daraufhin, dass das Instrument der Folter keine wirksames Mittel der Wahrheitsfindung darstelle.

Im Umkreis der Universität Tübingen wurde sich kritisch mit dem Hexenglauben auseinandergesetzt – mit der Begründung, Gottes Allmacht sei allumfassend, so dass ein Schadenszauber durch Hexen nicht möglich sei.

Einen großen Einfluss hatte die Schrift “Von den Blendwerken der Dämonen“ (1563) des Arztes Johann Weyer, in der er gegen den Hexenglauben argumentierte. Die Veröffentlichung blieb nicht ohne Folgen. Mehrere Fürsten stellten daraufhin die Folter und Todesstrafe in der Hexenverfolgung in ihren Fürstentümern ab (u.a. Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz). Ähnliche Schriften veröffentlichten der Arzt Johannes Ewich und die Theologen Hermann Wilken (1585) und Cornelius Loos (1592). Der englische Arzt Reginald Scot bezeichnete 1584 Hexenverfolgung als unchristlich und irrational. Allerdings ließ König Jakob I seine Schriften verbrennen. (Wenigstens nicht ihn selber.)

In Birstein schaffte es der protestantische Pfarrer Anton Praetorius 1597, dass ein Hexenprozess beendet und die Beschuldigten frei gelassen wurden. Anschließend veröffentlichte er (vorerst noch anonym) sein Buch “Von Zauberey und Zauberern Gründlicher Bericht“ (1598), in dem er gegen Hexenverfolgung und Folter Stellung bezog. Mit Hermann Löher äußerte sich ein Insider, der lange Zeit aktiv an der Hexenverfolgung mitwirkte, kritisch in “Hochnötige Unterthanige Wehmütige Klage Der Frommen Unschültigen“ (1676). Zahlreiche weitere Veröffentlichungen folgten, wie zum Beispiel “Rechtliche Bedenken wegen der Hexenprozesse“ vom Jesuiten Friedrich Speevon Langenfeld oder die Schriften von Christian Thomasius, der darlegte, dass die Geständnisse erst dann erbracht wurden, wenn die Gefangenen die Folter nicht mehr aushielten. Aufgrund dieser Schrift beendete König Friedrich Wilhelm in Preußen die Hexenverfolgung.

Die Wellen der Hexenverfolgung flauten allmählich und regional verschieden ab. Zu einem drängte die Neuzeit mit der Aufklärung und einem materialistischen Weltbild die magische Weltsicht immer weiter zurück. Viele aufgeklärte Fürsten und Stadtoberhäupter waren nicht mehr bereit, solche Exzesse in ihrem Gebieten zu dulden. Der innere und äußere Druck durch die gesellschaftlichen Veränderungen wurde zunehmend verinnerlicht und angenommen.

Außerdem veränderte sich das Rechtsverständnis. In Gerichtsverfahren rückte zunehmend die Beweislast in den Mittelpunkt. Die Unmöglichkeit, einen übernatürlichen Schadenszauber juristisch zu beweisen, entzog den Hexenprozessen zunehmend die juristische Grundlage.

Vieles in der Geschichte der Hexenverfolgung ist bis heute nicht genau erklärt. Vor allem was ihre Ursachen betrifft. Die Umstände, die ich hier zusammengetragen habe, lieber Heiko, stellen natürlich nur ein grobe Verallgemeinerung dar. Letztendlich bleibt das meiste im Bereich der Mutmaßungen. Unter anderem auch deshalb, weil wir nur vermuten können, wie die Menschen damals wirklich dachten und fühlten. Wir können sie nur aus unserer heutigen Wirklichkeitswahrnehmung betrachten. Warum wurden in manchen Gegenden hunderte von Hexen hingerichtet und woanders gar keine? Was macht die eine Bevölkerung anfällig und die andere “immun“?

Insgesamt dauerte die europäische Hexenverfolgung ca. 300 Jahre: vom 1450–1750. Ihre “Blütezeit“ hatte sie von 1550–1650. Heutzutage geht man von 40 000–60 000 Todesopfern aus. Schwerpunkt war das Heilige Römische Reich deutscher Nation mit 25 000 Opfern.

Dein Dr. Kürbis


Du hast auch ein Frage an Dr. Kürbis? Dann schreibe eine Mail an: frage@halloween.de


3 Kommentare »

  1. Vielen Dank Dr. Kürbis,
    das war wirklich äußerst aufschlussreich :)

    Comment von Heiko Gabriel — 17. Februar 2013 @ 11:37

  2. Gern geschehen! Der zweite Teil der Frage folgt demnächst. Bis dahin. Dein Kürbiskönig!

    Comment von Der Kürbiskönig — 18. Februar 2013 @ 14:29

  3. Hallo,
    glaubst du an Gott?

    Comment von Saskia Schneider — 13. Dezember 2014 @ 13:56

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