Fragen Sie Dr. Kürbis – Teil 17: Wenn es Vampire schon seit Jahrtausenden gibt, wieso fürchten sie dann das Kreuz?

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Die Frage:


Lieber Dr. Kürbis!

Wenn es Vampire schon seit Jahrtausenden gibt, warum haben sie dann Angst vor dem Kreuz?

Gruß,
Anne-Kristin


Die Antwort:

Liebe Anne-Kristin,

Um diese Frage zu klären, muss man erst einmal vorher zwei andere Fragen klären. Und zwar 1.) Seit wann gibt es eigentlich Vampire? Und 2.) Fürchten Vampire überhaupt das Kreuz?

1. Seit wann gibt es Vampire?

Im Allgemeinen wird mit einem Vampir heutzutage ein lebender Toter (Wiedergänger) bezeichnet, der den Lebenden das Blut aussaugt. In seinem Ursprung waren diese beiden Merkmale jedoch noch nicht zwangsläufig miteinander verbunden.

Vampir-ähnliche Gestalten werden schon im Altertum erwähnt. Die griechischen Lamien z.B. sind gespenstische Frauen, welche Kinder und Jugendliche in eine Falle locken, um ihnen dann das Blut auszusaugen. Ähnlich gehen die Lemuren vor, eine Art geisterhafter Gestaltenwandler. Sie töten Kinder, um ihnen anschließend ebenfalls das Blut auszusaugen. Den meisten dieser Wesen aus Sagen und Mythen fehlt jedoch das Merkmal des Untotseins, was sie aus heutiger Sicht noch nicht zu richtigen Vampiren macht.

Auf der anderen Seite gibt es die – vor allem aus dem osteuropäischen Raum stammenden – Wiedergänger, welche tagsüber schmatzend in ihren Gräbern liegen und nachts in ihrem Heimatdorf ihre Verwandten heimsuchen. Die Furcht vor solchen Wiedergängern scheint jedoch schon Jahrtausende alt zu sein. Laut der Archäologin Anastasia Tsaliki wurden in Zypern 9.000 Jahre alte Gräber gefunden, deren Insassen mit schweren Steinen auf Kopf und Brust eindeutig daran gehindert werden sollten, sich aus dem Grab zu erheben. Andere Maßnahmen, auf die Archäologen bei Ausgrabungen immer wieder stoßen, sind lange Nägel mit denen der unruhige Leichnam im Sarg gehalten werden soll.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts häufen sich Berichte, in denen vampirartige Vorfälle offiziell untersucht werden. Die meisten Erzählungen und historischen Berichte stammen übrigens aus Ungarn und Rumänien. Nicht alle sind nach unserem heutigen, literarisch geprägten Verständnis richtige Vampire. Häufig sitzen die Toten auch den Schlafenden auf und würgen sie am Hals, welches nicht selten nach starken Schmerzen in der Brust zum Tode führt. Das ist auch nicht immer ganz eindeutig zuzuordnen. Die Sagen und Mythen der Völker kennen zahlreiche Figuren, die den Menschen das Blut aussaugen. In Rumänien z.B. ist das Wort für Vampir mit dem für den Werwolf identisch.

Aber erst in der Verbindung des Untotseins und dem Bluttrinken entsteht das, was wir heute als klassischen Vampir kennen. Berichte über solche “echten“ Vampire stammen vor allem aus den Balkanländern, wie Ungarn und Serbien, wie die berühmten Fälle des Peter Plogosovitz (1725) und des Arnod Paole (1732). Das Risiko, ein Vampir zu werden, geht zu jener Zeit vornehmlich derjenige ein, welcher von einem Vampir heimgesucht wird. Außerdem: Verbrecher, unehelich Geborene, Hexen und Zauberer, islamisierte Christen, Priester, die Todsünden begangen haben, Exkommunizierte und Menschen, die verstarben ohne die Sterbesakramente empfangen zu haben. Die Furcht vor einem plötzlichen Tod ist im Mittelalter sehr verbreitet. Gerade nach christlich-orthodoxem Glauben können Exkommunizierte nicht ins Himmelreich eingehen, was die starke Verbreitung des Vampirglaubens in Ländern mit orthodoxem Glauben erklärt. Das heißt aber auch, dass diese Vampire, wenn überhaupt, das orthodoxe Kreuz fürchten müssten.


2. Fürchtet der Vampir das Kreuz?

Aber fürchten sie es denn überhaupt? Kaum ein wiedergängerisches Wesen ist so gehandicapt, wie der Vampir. Er verträgt kein Tageslicht und muss den Tag in regungsloser Starre in seinem Sarg verbringen, sowie auf heimatlicher Erde gebettet sein. Möchte er ein fremdes Haus betreten, benötigt er dazu eine Einladung. Fließendes Wasser kann er nur bei eintretender Ebbe oder Flut überqueren. Er soll allergisch gegen Knoblauch sein. (Es gibt unterschiedliche Meinungen, ob das der Wahrheit entspricht. Angeblich sagt man in Rumänien, dass derjenige, der sich Knoblauch um den Hals hängt, nur die nächste Mahlzeit des Vampirs würzt.) Ein Rosenzweig über seinen Sarg gekreuzt, hindert den Vampir diesem zu entsteigen. Und ja: Im Allgemeinen verträgt der klassische, abendländische Vampir kein Kreuz im Angesicht. Das gilt meist für alle kirchlichen Utensilien, wie Weihwasser oder eine geweihte Hostie. Die Herkunft vieler dieser Regeln ist unklar. Van Helsing, anerkannter Vampirexperte sagte dazu in Bram Stokers “Dracula“: „Wir wissen nicht, warum das so ist, aber es ist so.“

Logischerweise trifft die Kreuzfurcht aber nur auf Vampire zu, welche die Regeln der christlichen Kirche verletzt haben oder ihrer entsagten. Dadurch existieren sie fortan außerhalb der christlichen Gemeinschaft und liegen im Zwist mit ihr. Und da Gott im offiziellen (d.h. kanonisiertem) christlichen Verständnis die oberste und allumfassende Instanz ist, ist es nur verständlich, dass sie die Insignien seiner Macht fürchten. Ob die (oft übertrieben erscheinenden) Reaktionen auf christliche Insignien und Utensilien, von den Vampiren nun psychosomatisch ausgeführt werden, d.h. dass sie in einer Art vorauseilendem Gehorsam freiwillig zu Staub zerfallen, weil sie denken, dass muss halt so sein oder ob es sich um eine Art göttlichen Laserstrahl handelt, ist nicht ganz klar. Die erste Option wäre vergleichbar mit einem ungehorsamem Kind, welches sich beim Anblick des heimkehrenden Vaters selbst bestraft. Vieles spricht dafür.

Zum einem scheinen z.B. zwei gekreuzte Äste den gleichen Effekt zu haben wie ein geweihtes Kreuz. Das gipfelt darin, dass sich Stephen King in seinem Roman “Brennen muss Salem“ nicht entblödet, einen Jungen ein kleines Plastikkreuz aus einem Spielzeugfriedhof als wirksames Abwehrmittel gegen Vampire benutzen zu lassen. Und niemand wird ernsthaft glauben, dass Gott seine Macht durch ein Playmobil-Kreuz ausübt. Das heißt, allein die Erinnerung an die göttliche Allmacht lässt diese Vampire zurückschrecken. Desweiteren ist auch zu beobachten, dass in der zunehmend säkularisierten Welt Vampire keine Angst mehr vor dem Kreuz haben. Der Vampir Lestat oder die Marienhof-Vampire aus “Twilight“ sind noch vor keinem Kreuz zurückgeschreckt.

Fazit

Damit bleibt als Fazit, und um die Frage letztendlich mit einem Satz zu beantworten: Das christliche Kreuz fürchten nur Vampire, die aus einem christlichen Glaubensumfeld stammen und sie fürchten das Kreuz, weil sie es fürchten wollen.

Dein Dr. Kürbis


Du hast auch ein Frage an Dr. Kürbis? Dann schreibe eine Mail an: frage@halloween.de


3 KOMMENTARE

  1. Hochwohlgeborene Majestät,

    mit grossem Interesse habe ich Ihre Beantwortung der Kreuzfrage bzgl. der Vampyre
    gelesen.

    Ihren Äusserungen kann ich nicht wiedersprechen. Nur etwas anmerken:

    Natürlich fürchten sich Vampyre – da Wesen der Hölle oder Unterwelt – vor göttlichen Symbolen. Unerheblich ist dabei, aus welchem theologischen Bereich bzw. welcher Religion die Symbole stammen.

    Die Frage, warum sich Vampyre vor dem Kreuz – oder einfacher – vor gekreuzten Gegenständen fürchten, liegt weniger an der christlichen Symbolik, nein eher an dem Symbol selbst.

    Lange vor der neutestamentarischen Geschichte galt das Kreuzsymbol als Abwehrzeichen vor dem Bösen – auch hier ganz unabhängig aus welchem religiösem Kulturbereich.

    Der christliche Hintergrund des Kreuzes allein ist es also nicht, was der Vampyr fürchtet, sondern die gekreuzte Symbolik.

    Untertänigst und bis zur Selbstaufgabe unterwürfig,

    Jack

  2. Eure unsterblich verteufelte Unheiligkeit,

    1.Ich dachte, Lemuren sind Halbaffen?
    2.Man kreuzt auch die Finger, wenn man lügt oder jemandem Glück wünscht.
    3.Ich habe mal gelesen, dass es nur hilft, wenn man dran glaubt.
    4.Bei Skulduggery Pleasant (meine Lieblingsbuchreihe) sind die Vampire Biester, die nach Einbruch der Dunkelheit ihre menschliche Gestalt ablegen, und sich in blutrünstige, alabasterweiße Bestien verwandeln, die sich von Nichts und Niemandem aufhalten lassen, auch nicht von Kreuzen. Bei Tagesbeginn wächst ihre menschliche Haut wieder nach.
    5.Jack, es heißt hochwohlgewachsene Majestät, Kürbisse wachsen und werden nicht geboren.

    In Asche und Staub kriechend, ihr Mädel im (oder aus dem) Sarg

  3. […] Ihr Organismus ist lediglich darauf ausgerichtet, Blut zu verarbeiten. Die zugeführten Nährstoffe sorgen für eine Frischkur der körpereigenen Vampirzellen. Diese sterben jedoch nicht ab, sobald die Versorgung mit frischem Blut ausbleibt. Es ist kein einziger Fall eines verdurstenden Vampirs nachgewiesen. Da oft nur wenige Schlucke Blut ausreichen, um einen verschrumpelten, trockenen Vampir wieder zu Leben und Schönheit zu erwecken, geht man mittlerweile davon aus, dass ein Teil der Wirkung des Blutes auf den Vampir im metaphysischen Bereich liegt. Das bedeutet, dass die Symbolik des Blutes als Lebenssaft bei der Einnahme wichtiger ist als dessen tatsächlicher Nährgehalt. Das ist auch der Grund, warum Vampire nicht verhungern bzw. verdursten können und der dauerhafte Verzicht auf Blut sie lediglich bewegungslos dahinvegetieren lässt. (Vgl. dazu auch: “Warum fürchten Vampire das Kreuz”) […]

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