We Are What We Are

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Horrorfilmer haben’s heute schwer. In den 60ern und 70ern konnte man das Publikum noch damit erschüttern, dass man ein paar Splatter- oder Slasher-Szenen einbaute. Horrorfans von heute dagegen sind schon so viel Blut und Jump Scare gewöhnt, dass das Schocken immer schwieriger wird. Mancher Horrorfilmer dreht den Grausamkeitsregler schlicht auf 11 (siehe Torture Porn à la „Hostel“ oder „Saw“), andere verlassen sich auf den Grusel „real“ wirkender Found Footage-Handkameras (siehe „Paranormal Activity“ oder „The Bay“). Aber es gibt sie nach wie vor: intelligente, hintersinnige Horrorfilme, die auf andere Art Grauen und Düsternis vermitteln und sich ihre Höhepunkte bis zum Schluss aufheben. „We Are What We Are“ ist einer davon!

Kannibalen wie Du und ich

„We Are What We Are“ greift mit dem Thema Kannibalismus eines der letzten absoluten Tabus unserer Gesellschaft auf.  Dass man auf keinen, auf GAR KEINEN FALL einen anderen Menschen essen darf, ist moralisch mindestens so tief in uns verwurzelt wie das Inzestverbot.

Nun ist „We Are What We Are“ ja nicht der erste Kannibalenfilm der Geschichte. Aber eines ist neu am Film von Jim Mickle: Anders als bei allen bekannten Kannibalenhorror-Streifen sind die Identifikationsfiguren hier nicht die potenzielle Nahrung, sondern die Menschenfresser selbst.

Der Horror in „We Are What We Are“ entsteht nicht durch die Angst vor dem fiesen, monströsen Menschenfresser, sondern dadurch, dass man in die Rolle der kannibalischen Parker-Familie schlüpft, für die der Kannibalismus selbst Grauen, Angst und Außenseitertum bedeutet – sie aber eben auch identitätsstiftend zusammenschweißt: „Wir sind, was wir sind“. Nämlich Menschenfresser.

Fleischkonsum mit Tradition

Die Parkers leben abgeschieden und in einfachen Verhältnissen in einer verregneten Kleinstadt irgendwo in den USA. Nach außen hin sind sie einfache, freundliche und tief religiöse Mitbürger der kleinen Gemeinde. Doch die Familie hat ein düsteres Geheimnis, das bis ins Jahr 1782 zurückreicht: Einmal im Jahr, am sogenannten „Tag des Lammes“, verzehren Vater, Mutter und die drei Kinder gemeinsam einen anderen Menschen – aus Tradition und weil sie glauben, dass Gott dies von ihnen erwarte.

Über die Jahre haben die Parkers mehr als 30 Personen aus der Umgebung entführt, getötet und gegessen, doch bisher hat niemand Verdacht geschöpft. Das ändert sich, als nach einem heftigen Unwetter menschliche Knochen ans Ufer des nahen Baches gespült werden – und fast zeitgleich die Mutter der Parkers an einer seltenen, Alzheimer-artigen Krankheit verstirbt.

Der schrullige Hausarzt der Parkers (Michael Parks) beginnt, finstere Vermutungen zu hegen, denn alles deutet auf die „Kuru-Krankheit“ hin – und die kann man sich nur über den Verzehr von Menschenfleisch einfangen …

Krise in der Menschenfleischindustrie

Der Tod der Mutter und die drohende Entdeckung bringt die Kannibalenfamilie in eine Krisensituation. Der Vater (grandios überväterlich verkörpert von Bill Sage) besteht darauf, die kannibalische Familientradition aufrechtzuerhalten. Die älteste Tochter Iris (Ambyr Childers) soll die Rolle der verstorbenen Mutter übernehmen und sich um „Schlachtung“ und Zubereitung kümmern. Essen machen ist schließlich Frauensache!

Die Schwestern Iris und Rose (Julia Garner) sind hin- und hergerissen zwischen der Autorität des Vaters, dem Schutzinstinkt für den kleinen Bruder Rory (Jack Gore) und dem Wunsch, den Tod der Mutter als Anlass zu nehmen, das grausige Menschenfleischgeesse zu beenden. Doch der Patriarch will davon nichts hören, und das Unheil nimmt seinen Lauf …

Chili vs. Burger: mexikanisches Original und US-Remake

„We Are What We Are“ ist übrigens eine Neuverfilmung. Das Original, „Somos lo que hay“ aus dem Jahr 2010, ist eine mexikanische Produktion, die im Arthouse-Horrorbereich viel Aufsehen erregte. Natürlich hat der Kürbiskönig auch dieses Schätzchen noch einmal ausgegraben und die beiden Versionen verglichen.

Häufig bedeutet ein US-Remake von kleinen, kreativen Independent-Produktionen ja, dass alles, was am Original besonders ist, einmal durch den Hollywood-Fleischwolf gedreht und bis zur Unkenntlichkeit glattgeschliffen wird. Das ist hier zum Glück nicht der Fall. „We Are What We Are“ ist eine kreative, gewinnbringende Neuinterpretation der Vorlage.

Vieles bleibt gleich: Auch im Original ernährt sich eine fünfköpfige, sehr eng verbundene und arme Familie von ihren Mitmenschen, und in beiden Filmen spielt der Konflikt um die Nachfolge des verstorbenen Familienoberhauptes eine große Rolle.

Andere Aspekte wiederum sind im Remake genau spiegelbildlich wieder aufgegriffen. Während „Somos lo que hay“ in den Slums von Mexico City spielt, wurde die Handlung im Remake in die Kleinstadt-Tristesse der USA verlegt – beiden Szenarien ist aber die Armut der Familien gemeinsam. Genau umgekehrt sind auch die Geschlechterrollen. Im Original ist es der Vater, der zu Beginn stirbt, und die Mutter, die mit eiserner Härte ihren ältesten Sohn zum Menschenfang zwingen will. Die Umkehrung funktioniert in „We Are What We Are“ fantastisch – es ist gerade die enge Bindung zwischen den sensiblen Schwestern Iris und Rose und ihre Angst vor dem übermächtigen Vater (an dem Sigmund Freud seine helle Freude gehabt hätte), die den Zuschauer dazu bringt, sich ausgerechnet mit den kannibalischen Teenagern zu identifizieren.

Menschen essen – wegen Geld oder wegen Gott?

Der größte Unterschied zwischen Original und Remake ist aber inhaltlicher Art. „Somos lo que hay“ ist eine beinharte Kapitalismuskritik: Die Armen ernähren sich von den Ärmsten, um im Slum der Megacity zu überleben – das gnadenlose „Fressen und gefressen werden“ des Kapitalismus findet hier eine drastische wortwörtliche Anwendung.

Diese Bedeutung fällt bei „We Are What We Are“ komplett weg. Zwar wird die Armut der Parkers thematisiert, doch der Grund für den Kannibalismus der Familie ist nicht der Hunger (das wäre in den USA auch weniger glaubwürdig als in Mexiko), sondern Familientradition und ein tief religiöser Aberglaube.

Die Richtung ist also eine komplett andere: Während „Somos lo que hay“ die Brutalität der modernen Massengesellschaft anprangert, geht die Kritik in „We Are What We Are“ gegen rückwärtsgewandte, religiös verbrämte Traditionsgläubigkeit. Beide Ansätze funktionieren interessanterweise gleichermaßen gut – beide Kannibalenfamilien, die mexikanische wie die US-amerikanische, können mit Recht behaupten: „Wir sind was wir sind“ – nämlich die menschlichsten Menschenfresser des ganzen Horrorgenres.

Fazit

„We Are What We Are“ ist ein eigenes, kluges und insgesamt sehr gelungenes Remake der kleinen Underground-Perle „Somos lo que hay“. Der Horror speist sich nicht aus hartem Splatter (auch wenn es schon einige derbe Szenen in diese Richtung gibt), sondern aus dem hintersinnigen Schaudern, für das die durchweg starken Schauspieler in der vertrackten, vielschichtigen Familienkonstellation sorgen. Ganz groß ist auch der perfekt inszenierte Ekel vor der Idee des Kannibalismus: Noch nie war es so schockierend und aufwühlend, eine hübsche junge Frau einen Löffel Eintopf essen zu sehen. Und: Das Ende ist der Hammer – heftig, klug und unerwartet. Das gelingt leider den wenigsten Horrorfilmen. Anschauen!

Trailer


Text: D. Siegmund

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